Glosse

Wer kennt das nicht? Diese typischen Alltagsszenen, die uns allen immer und überall begegnen. Wer hätte nicht schon mal selbst (versucht), ein Regal aufzubauen. Und so findet sich auch jeder in der folgenden Glosse irgendwie wieder. Mal mehr, mal weniger.

Das Heimwerken (gesendet bei SWR1)

Kaufen Sie auch so gerne Schnäppchen wie ich? Mein größter Wunsch ist es immer noch, mich mal am Abend vor dem Sommerschlussverkauf in einem Kaufhaus einschließen zu lassen, um mir dann die ganze Nacht in aller Ruhe die besten Schnäppchen aussuchen zu können. Leider ist mir das bisher noch nicht gelungen. Aber aus genau diesem Grund kaufe ich auch so gerne bei Möbeldiscountern, die mit Werbeslogans wie „Bauen Sie selber auf und sparen Sie Ihr Geld“ aufwarten. Stimmt ja auch. Warum soll ich 200 Euro für ein Regal bezahlen und noch mal 200 Euro für Lieferung und Aufbau? Um mir Streß und lange Nächte in der Notaufnahme eines mit Fachärzten unterbesetzten deutschen Krankenhauses zu ersparen, werden Sie vielleicht sagen. Aber das ist ja nur die halbe Wahrheit. Dieses Gefühl, einen Karton voll unbehandelten Holzes, zufällig zusammengestellter Schrauben und einer vom Indonesischen ins Türkische übersetzten Bedienungsanleitung in stundenlanger Kleinarbeit zu einem Regal zusammenzubauen, das nicht nur formschön, windstabil und ebenmäßig ist, sondern noch dazu nach meinem eigenen Schweiß riecht, ist eines der schönsten, das man erleben kann.

Das sagt zumindest der Vetter des Schwagers vom Fußballtrainer des Sohnes meiner Nachbarin, denn das ist der einzige, den ich kenne, dem das bislang gelungen ist.

Alle anderen verfahren nach dem gleichen Schema. Sie freuen sich diebisch die gesamte Heimfahrt über, dass sie so billig ein Regal gefunden haben. Beim Auspacken der 34 Einzelteile – 38 sollten es laut Bedienungsanleitung sein – kommen einem erste Zweifel. Für erfahrene Heimwerker ist genau das der Zeitpunkt, Frau und Kinder zur Schwiegermutter zu schicken, weil sie wissen, dass so eine Ehekrise die durchschnittliche Verweildauer eines Selbstbauregals durchaus überschreiten könnte. Nach mehreren Stunden voller Frustrationen, die man in dieser Intensität nur von Diäten, Behördengängen oder der Deutschen  Fußballnationalmannschaft kennt, nähert man sich dem Punkt, wo man zugibt: „Jawohl, ich habe studiert. Ich habe verstanden, was Kant mit seinem kategorischen Imperativ ausdrücken wollte. Und ich weiß auch, was unter steuerpflichtigen Abschreibungen nach Paragraph 4, Absatz 3 zu verstehen ist. Aber dass ich dieses Regal in der dafür vorgesehen Form tatsächlich aufzubauen im Stande bin, das bezweifle ich immer mehr.“

An diesem Punkt angelangt, ist man bereit zuzugeben, dass es ein Fehler war, Frau und Kinder aus dem Hause zu schicken. Denn wem soll man jetzt die Schuld für dieses Versagen geben? Es bliebe noch die Gesellschaft, Firmen mit einem Elch im Logo oder natürlich Gerhard Schröder. In dieser misslichen Lage begeht man nun den größten Fehler: Man bittet seinen Nachbarn um Hilfe. Der bringt nicht nur seinen Akkuschrauber mit, sondern auch noch jede Menge gut gemeinte Ratschläge. Und Anekdoten, wie er damals seinen Hausstand ganz alleine aufgebaut hat. Von dem übrigens der Großteil ein paar Monate später auf dem Sperrmüll lag. Lag ist das richtige Wort, denn seine krummen Regale und schiefen Schränke wollten nicht mal die Aasgeier mitnehmen, die sonst jeden Mist in ihren alten Daimler packen. Einige Nachbarn, viele Bohrmaschinen und noch viel mehr altkluge Sprüche später, sind 34 Einzelteile so montiert, dass sie bei der diesjährigen Monumenta einen Ehrenpreis für abstrakte Bauwerke verdient hätten.

Zu genau diesem Zeitpunkt trennt sich die Spreu vom Weizen der ambitionierten Heimwerker. Denn wirklich fähige Do-It-Yourselfer ziehen nun den Joker: Sie holen den Karton, in dem das Regal verstaut war. Aber nicht, um den ganzen Kram zum Möbeldiscounter zurückzubringen. Sondern sie kleben ihn mit Panzerband an der Wand fest und schon haben sie ein formschönes Regal, windstabil und absolut funktionsgerecht. Also genau das, was sie schon immer wollten. Und noch dazu, ohne jemanden für Lieferung oder Aufbau bezahlt zu haben. Die Krönung aber: Das Regal aus recycelter Pappe passt ideal zur sonstigen Einrichtung: Zum Couchtisch aus Pappe, der vor dem Pappsofa steht, links von der Papp-Eßgarnitur mit den Pappstühlen davor.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Möbel shoppen. Und immer dran denken: Ikea hat jetzt auch samstags bis 20 Uhr auf…

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